Hanoi – Ninh Binh: von der Stadt aufs ruhige Land. Und von der Zeit.

Ein Tempel, der keiner war und doch einer ist. Und ein Hipstertempel. Und Ruhe. Der letzte Tag in Hanoi und nun die Ruhe auf dem Land in einer Gegend, die als Geheimtipp gilt.

Im Gegensatz zu Einsteins Formel ist für uns die Zeit höchstens insofern relativ, als dass sie relativ schnell vorbei geht. Es ist der typische Ferieneffekt, wie ich ihn immer wieder erlebe: Am Anfang wirken die Ferien endlos. Und nun sind wir schon den zweiten Tag in der Gegend von Ninh Binh.

Ein Tempel, der keiner ist. Und doch einer.

Doch zurück in der Zeit. Zwei Tage und fast tausend Jahre. Wir haben den Literaturtempel in Hanoi besucht. Dort entstand um 1070 die erste Akademie des Landes. Und ist heute auch ein buddhistischer Tempel. Die Geschichte und was die Anlage mit Konfuzius zu tun habt, könnt ihr in der Wikipedia nachlesen. Ich mag solche alten Anlagen. Eine Oase der Ruhe im hektischen Treiben von Hanoi. Und trotz der Touristen eine Zeitreise. Ich komme mir vor wie im Film. Unwirklich und trotzdem real.

Literaturtempel in Hanoi, Vietnam
Oase in der Stadt: der Literaturtempel in Hanoi.

Von der Bushaltestelle sind wir zu Fuss zum Literaturtempel gelaufen. 700 Meter an den Rändern des alten Quartiers, dem Touristenmagnet «Old Quarter Hanoi». Ich merke die Mischung aus Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit und Abgasen. Es wird mir leicht schwindlig, aber mittlerweile kenne ich den Trick: Ab und zu ein Schluck eines isotonischen Getränks hilft. Und staunen. Der Verkehr, die Häuser, mal vietnamesisch, mal Kolonialbau. Der morbide Charme des Zerfalls. Herausgeputzt sind hier höchstens die Regierungsgebäude. Nicht mal die teuren Limousinen, die immer häufiger im Strassenverkehr auftauchen, sind vor der allgegenwärtigen Staubschicht geschützt.

Im Hipstertempel Hanois

Vom Literaturtempel wieder zurück ins alte Quartier. Schauen, staunen, fotografieren. Wir lassen uns treiben. Zirkeln zwischen den parkierten Rollern auf den Trottoirs hindurch, den Auslagen der Läden. Queren Strassen, wenn kein Auto kommt (immer weitergehen, die Roller weichen aus, die Autos nicht). Gönnen uns Bier (für die Erwachsenen) und Fruchtsäfte (für die Mädels) im Hanoi Social Club. Dem Kulturlokal und Treffpunkt für Expats und erfahrene Touristen. In Zürich wäre das ein Szenetreff, ein Hipstertempel. Draussen auf der engen Gasse werkelt ein Ehepaar an seinem Roller, die vorbeifahrenden Motorrädern streifen fast.

Restaurant Old Hanoi, Hanoi, Vietnam
Gemütlich, gute Küche und nette Bedienung: das «Old Hanoi» in Vietnams Hauptstadt.

Die Zeit vergeht, es wird dunkel. Um sechs Uhr abends ist es bereits finster. Ein Vorbote, was uns nach unserer Rückkehr in die Schweiz erwartet. Doch die Temperaturen bleiben angenehm. Nach einem Apéro in einem kleinen Strassen-Café essen wir im «Old Hanoi», dessen gemütlicher Hof uns am Morgen auf einen Kaffee angelockt hat. Vorzügliche Küche, und unser bislang teuerstes Essen: 55 Franken für vier Personen. Davon alleine 15 Franken für zwei Gläser Rotwein – ein Gut, das in Vietnam oftmals gleich teuer ist wie in der Schweiz, zumindest im Restaurant. Hier, in unserem Homestay in Tam Coc, gibt’s für den Preis eine ganze Flasche (Dalat, ein zwiespältiges Erlebnis. Von den günstigen Varianten kriege ich Kopfschmerzen.).

Über Bodenwellen in den Süden

Wir sind müde und nehmen ein Taxi zurück. Und entdecken neue Ecken Hanois. Der Fahrer nimmt einen anderen Weg. Als wir am Bahnhof vorbeikommen, bin ich erleichtert. Der Weg könnte stimmen. Und wir brauchen nicht länger als mit dem Bus, der Preis ist auch ok – das ist nicht immer sicher bei privaten Taxis in Vietnam.

Und so ist unser letzte Abend in Hanoi bereits vorbei. Ich hätte es länger ausgehalten in dieser Stadt, die mich so stark anzieht. Widerstand zwecklos. Doch am nächsten Tag geht es früh los. Mit dem ganzen Gepäck (ja, wir haben es wieder) in den vollen Bus, es ist kühl, es hat über Nacht geregnet. Der Start ist hektisch, doch dann sitzen wir in einem bequemen Minibus und fahren über die Autobahn in Richtung Süden, nach Ninh Binh. Die Bodenwellen sind zahlreich, ebenso die Überholmanöver über den Pannenstreifen. Doch wir kommen gut an im Tam Coc Homestay – ich staune immer wieder, wie gut organisiert die Vietnamesen sind.

Im Minibus von Hanoi nach Ninh Binh.
Beliebtes Verkehrsmittel in Vietnam: der Minibus, hier in der Luxusvariante.

Land und Langsamkeit

Wir gehen es langsam an. Carpe Diem. Sind auf dem Land, im Niemandsland. Kleben an den Felsen dieser Gegend um Ninh Binh, die als Fussgänger-Halong-Bucht bekannt ist. Nur nicht so überfüllt. Noch gilt diese Ecke als Geheimtipp. Bei der steigenden Zahl an Touristen heisst das, so schnell wie möglich hingehen. Fun Fact: Hier wurden Teile von «Kong: Skull Island» gedreht.

Es ist kühl, wir geniessen die Ruhe und erholen uns von der Hektik des Morgens.

Heute habe ich einen gemütlichen Spaziergang unternommen. Während Rachel mit ihren Töchtern mit dem Roller unterwegs ist, mache ich drei Schritte aus dem Homestay heraus. Und bleibe stehen. Bin überwältigt von der Gegend. Land. Ruhe. Kalkfelsen, Reisfelder. Die Gegend strahlt eine Gelassenheit aus, sodass ich automatisch mein Tempo drossle. Mich umschaue. Immer wieder stehenbleibe. Fotografiere. Geniesse. Kann ich Ruhe fühlen? Morgen, so haben wir uns vorgenommen, möchten wir mehr von dieser Gegend sehen.

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