Wo alles begann. Und wo es endet.

Die «Loge» in Winterthur

Ein Kreislauf schliesst sich. Ein neuer beginnt. Mit einer Gemeinsamkeit, einem gemeinsamen Ort. Von Winterthur nach Biel/Bienne.

An die Jahreszeit erinnere ich mich nicht mehr. Wahrscheinlich war es Herbst. Herbst 1991. Ich sass in der «Loge» am Oberen Graben und freute mich darauf, dass ich bald zu Fuss dahin gehen könnte. Denn ich werde, nach zehn langen Jahren im Tösstal, zurück in meine Heimat- und Lieblingsstadt Winterthur ziehen.

Nun ist Januar 2026, 35 Jahre später. Ich sitze wieder in der Loge. Am selben Tisch? Vielleicht. Die Vorstellung ist zumindest reizvoll. Sind die Tische noch dieselben? Auch hier ist meine Erinnerung getrübt. Was ich aber weiss ist, dass dieses Mal die Situation die gegenteilige ist. Ich bin gekommen, um mich zu verabschieden von Winterthur, «Winti», meiner Heimatstadt. Ex-Heimatstadt?

Einen langgehegten Traum verwirklicht

Seit wie vielen Jahren habe ich davon geträumt, geredet, daran gedacht, einmal in meiner Heimatstadt in einem Hotel zu übernachten. Gemacht, geschafft habe ich es nie. Nun, wo ich nicht mehr hier wohne, gelingt es mir. Ich bin in Winterthur im Hotel. In der «Loge», natürlich. Wenn ich an meinen Traum gedacht habe, hatte ich immer die Loge im Kopf, im Sinn. Dieses Haus in der Altstadt, das Kino, Hotel und Bar ist und dessen Eröffnung ich mitbekam. Auch wenn ich keinerlei Erinnerungen mehr daran habe.

Auch heute, wie vor 35 Jahren, bin ich mit dem Auto da. Ich habe die letzten Sachen in unserem bald ehemaligen Haus abgeholt. Putzmittel, Staubsauger. Einen morschen Strunk für vielleicht Holzbienen. All dieses Material werde ich morgen nach der Arbeit an meinen neuen Wohnort in meiner neuen Heimatstadt und vielleicht künftigen Lieblingsstadt bringen. Biel/Bienne. Ich mag diese zweisprachige Schreibweise. Die Zweisprachigkeit der Stadt kompakt auf den Stadtnamen gebracht.

Von Winterthur nach «Winterthur»

Wir haben uns entschieden, nach Biel/Bienne zu ziehen. Der Liebe zum Französischen wegen, dem bilinguen Charakter, der diesen Ort durchzieht wie le serpent von Swatch. Doch diese Stadt ist mehr. Ich mag die Mentalität, das Zusammengewürfelte in der Architektur, die Vielfalt. Den See. Ich bin nicht mehr der gleiche Andi wie derjenige, der vor 35 Jahren in der Loge sass und sich auf Winti freute. Ich habe eine neue Heimat gefunden. Und la francophonie.

Und trotzdem trage ich noch den Andi in mir, den ich anfangs 20 war. Und auch die Heimat nehme ich mit. Die linke Arbeiterstadt, die Kulturstadt, die Industrie. Von den Schiffsdieselmotoren zu den Tourbillons, den kleinen Wirbelwinden von Schwungrädern in den Uhren. Vom Gaswerk zum Gaskessel, dem «Chessu», der Coupole. Vom Widder ins St. Gervais. Mathematisch gesprochen verhält sich Winterthur zu Zürich wie Biel/Bienne zu Bern. Oder vielleicht gefühlt gesprochen.

La coupole, der «Chessu» beim Kongresszentrum Biel/Bienne.

Ich behalte also mein inneres Winterthur. Und fühle mich an meine 90er-Jahre in Winterthur zurückerinnert, wenn ich vor dem St. Gervais stehe und rauche. Nur dass ich damals nicht raus musste zum Rauchen.

Und so lebe, spüre, erinnere ich in Biel/Bienne einen Lebensabschnitt, den ich schon einmal erlebt habe. Nun endet mein Kapitel in Winterthur und ein neues beginnt, das sich häufig anfühlt wie ein déjà vu. Und das ist gut so. Ich sitze in der Loge und bin genauso freudig erregt, aufgeregt, voller Vorfreude wie damals.


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Kommentare

2 Antworten zu „Wo alles begann. Und wo es endet.“

  1. Avatar von Matthias
    Matthias

    Wunderbar beschrieben. Winti wird dich vermissen!

  2. Avatar von dominik siegmann
    dominik siegmann

    sehr schöner text!

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